Vom Feuerwehrspielmannszug zum Schalmeienzug
- Die Geschichte der Leutrum-Garde Würm -

 

 

 

Angeregt von den Klängen der Spielmannzüge -und vermutlich auch vom reichhaltigen Getränkeangebot- kamen einige wackere Mannen auf dem Nachhauseweg vom 90. Jubiläum der Huchenfelder Feuerwehr auf die Idee, auch in Würm einen Spielmannszug zu gründen. Unter ihnen Rudi Bauer, Ewald Deissler, Siegfried Fix, Hubert Gölz, Sebastian Hütter, Hugo Oelschläger, Werner Schmid und Hans Stemmer. Dies war am 06. Juli 1958 und schon bald zeigte sich, dass es sich hierbei um keine „Schnapsidee“ handelte. Denn auch bei der Führung der Freiwilligen Feuerwehr Würm stieß man mit dieser Anregung auf offene Ohren und erfuhr entsprechende Unterstützung.
Zur Grundausstattung gehörten Pfeifen und Trommeln, welche in Ermangelung finanzieller Mittel notgedrungen selbst beschafft wurden. Doch wer sollte die Gründer an den Instrumenten ausbilden? Alfred Schüpf übernahm zunächst die Ausbildung, konnte uns aber nur mit dem Mund vorpfeifen, wie sich die Töne anhören sollten. Hier ergab sich die glückliche Situation, dass Siegfried Fix einen musikalisch begabten Geschäftskollegen dazu begeistern konnte, die Ausbildung der Pfeifer zu übernehmen. Herr Erwin Wieland kam hierfür eigens mit dem Moped von Gräfenhausen nach Würm gefahren und brachte auch schon bald seinen Bekannten mit, Hans Wolfinger, der sich für die Ausbildung der Trommler verantwortlich zeigte. Hans Wolfinger war es dann auch, der die musikalische Leitung übernahm und bis zur Beendigung seiner aktiven Mitgliedschaft im Jahre 1974 unser Tambourmajor war.

 
 

Ein Auszug aus der Pforzheimer Zeitung belegt den ersten öffentlichen
Auftritt, welcher am 23. April 1960 bei einem Gemeinschafts- und
Unterhaltungsabend der Würmer Vereine stattfand. Der Erlös der Veranstaltung kam der Erstellung des Würmer Krieger-ehrenmals zugute.

Hans Wolfinger bewies immer wieder ein feines Fingerspitzen-gefühl beim Aussuchen neuer Musikstücke. Er lehrte uns Märsche wie „Preußens Gloria“ oder den „Armee Marsch“. Wir waren auch frühzeitig in der Lage, moderne Stimmungs-lieder oder Folklore zu spielen. Nicht zuletzt diesem Aspekt ist es zu verdanken, dass wir durch Gewinnung zahlreicher Jugendlicher den Spielmannszug auf 32 Mann verstärken konnten.
Angeregt durch die Teilnahme an Karnevalsumzügen, Fanfarenzugstreffen u.ä. beschloss man, sich eine historische Tracht zuzulegen. Um die Kostenfrage so nieder wie möglich zu halten, wurde sie in selbstloser Weise von Helene Schmid zum größten Teil selbst angefertigt. Gisela Bauer stickte in mühevoller Handarbeit die nun auch notwendig gewordene Standarte und stiftete diese. Nun hatte man Uniform und Standarte – fehlte nur noch die ergänzende Namenserwei-terung des Zuges. Hier setzte man die Idee um, den Bezug Würms zur Burg Liebeneck und das dort einmal herrschende Adelsgeschlecht der Leutrums von Ertingen herzustellen. Auf folgenden Namen einigte man sich: “Spielmannszug Freiwillige Feuerwehr Würm – Leutrum-Garde“. Dies geschah anlässlich des 10-jährigen Bestehens im Jahre 1968, in Anwesenheit des Grafen von Leutrum. Als Patenverein fungierten unsere Freunde vom 1. Goldstadtfanfarenzug Pforzheim.

Zwischenzeitlich spielten auch die ersten Mädchen im Spielmannszug mit. Mit der Eingliederung der Gemeinde Würm in die Stadt Pforzheim zum 01.09.1971, verbunden mit dem Übergang der Freiwilligen Feuerwehr in die Gesamtwehr der Stadt wurde aber dies mitunter zum Problem und führte -neben anderen Ursachen- zur freundschaftlichen Trennung zwischen Spielmannszug und Feuerwehr im Jahre 1972. Der Spielmannszug Leutrum-Garde war nun ein eigenständiger Verein. Sämtliche Trachten und Instrumente wurden seitens der Feuerwehr kostenfrei überlassen.

Unter der Vorstandschaft von Sigfried Bähr und Werner Schmid kamen in den Jahren 1974 – 1976 die Überlegungen auf, die musikalische Ausrichtung der LG zu erweitern. Aus verschiedenen Quellen wurde uns von schwungvoll klingen-den Spielmannszügen berichtet, die mit Signalhörnern, sogenannten Schalmeien, spielen. Andere wusste wiederum wo und wie man diese Instrumente kostengünstig erwerben konnte und so fügte sich eins zum anderen.

Im September 1976 war es dann schließlich soweit: Die ersten Schalmeien trafen ein und auch hier musste wieder ein Teil der Kosten von den Aktiven selbst getragen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Da die Instrumente in unserer Region völlig unbekannt waren, galt es einen Mann zu finden, der die Ausbildung an den
„sensiblen“ Instrumenten übernahm. Tambourmajor Jürgen Stuhr konnte seinen Bekannten, Thomas Keller, dazu bewegen, diese Aufgabe zu übernehmen und man knüpfte Beziehungen zu einer Schalmeienkapelle aus Fischbach am Bodensee, die sehr schnell intensiviert wurden und sich zu einer Freund-schaft entwickelten.

Unser erstes Stück war „ Riverside“, welches von Keller/Stuhr gemeinsam eingeübt wurde. 1977 dann die ersten Auftritte mit Schalmeien, aber auch weiterhin mit Pfeifen und Hörnern. Das Repertoire wuchs innerhalb eines Jahres auf 14 Musikstücke an und nach dem 20jährigen Jubiläum entschloss man sich schließlich doch, die Pfeifen und Hörner an den berühmten „Nagel“ zu hängen. Fortan war die LG noch mehr gefragt als früher, was sich vor allem in zahlreichen Auftritten im In – und Ausland widerspiegelte.
Gern gesehen war man z.B. in Zürich, Paris, Dünkirchen, in der Liederhalle in Stuttgart und im Neckarstadion oder beim Rosenmontagsumzug in Düsseldorf.
Auch bei den Wertungsspielen des Landesverbandes nahm man regelmäßig teil und wurde mehrfach Baden- Württem-bergischer Meister in der Klasse der Schalmeien. Die Zahl der Aktiven war auf mehr als 45 Mitglieder angestiegen. Der Verein befand sich in einer „Hochphase“, die allerdings am 25. April 1981 einen tiefen Einschnitt erfahren musste. Unser Mitbegründer, langjähriger Vorstand und aktives Mitglied Werner Schmid kam bei einem tragischen Verkehrsunfall im Alter von 43 Jahren ums Leben.
Durch den Tod unseres Werner`s war das Vereinsleben einige Zeit stark gehemmt. Dennoch erzielte die Leutrum-Garde am 9. Mai 1982 den größten Erfolg in ihrer Vereinsgeschichte. Die LG wurden in Celle Deutscher Meister in der Schalmeien-klasse. In diesem Jahr ging auch der lang ersehnte Wunsch nach einer neuen Tracht in Erfüllung.
Die dazugehörenden Schlaghosen mit eingesticktem „L“ fanden jedoch wenig Anklang und wurden bald ausgemustert, so dass man sich auf eine Kombination aus neuem Oberteil und alter Trachtenhose mit Kniebund einigte. Beide Trachten-oberteile werden heute als „Winter-“ und „Sommertracht“ getragen.
Schon immer war der Verein bemüht, nicht nur bei Festen befreundeter Vereine oder Wohltätigkeitsveranstaltungen aufzutreten, sondern auch in Würm selbst eigene Aktivitäten durchzuführen.
Bereits seit 1961 gehört es zur Tradition des Spielmannszuges die Mitbürger am 1. Mai mit musikalischen Klängen zu wecken, was auch in der Vereinssatzung verankert wurde.
Auch an den Stadtteilfesten war die LG immer federführend beteiligt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Bau der Würmtalhalle eröffneten sich für den Stadtteil aber neue Möglichkeiten und die LG versuchte sich am 31.01.1981 mit einer eigenen Faschingsveranstaltung, die ein voller Erfolg wurde. Seither kann man bei der jährlichen Prunk- und Fremdensitzung mehrfach ein „dreifach donnerndes SCHNECK AUF“ von den rd. 400 Gästen verneh-men. Durchs Programm führt bereits seit mehr als 20 Jahren unser langjähriger Vorstand Manfred Ott, auch genannt die „graue Eminenz“. Dies nicht nur aufgrund der sich über die Jahre entwickelten Haarfarbe, sondern auch wegen seines vereinsfördernden Engagements über das Ende seineraktiven Spielmannszeit hinaus.
Gleiches gilt auch für unser Ehrenmitglied Sigfried Bähr, der bereits seit Anbeginn der Prunk- und Fremdensitzung mit seinen Plaudereien aus dem Würmer Alltag zum unangefoch-tenen Programmhighlight zählt.
Vergessen bleiben dürfen aber nicht unsere zahlreichen anderen Events wie die LG-Wandertage, die Weinfeste mit der Wahl zum Würmer Weinkönig, der Kinderfasching, die Ammerau-Hocketse, unser Musikfest und viele weitere.
Viele unsere Aktivitäten finden auf dem Ammerau-Gelände statt, wo sich bereits seit 1966 unser Vereinsheim befindet. Auch dieses schreibt eine besondere Geschichte und ist unzertrennbar mit der Vereinentwicklung verflochten. Anfänglich fanden die Proben des Spielmannzuges im Gasthaus Löwen sowie im Schulhaus statt, bis uns von der Gemeinde im Jahr 1966 Teilbereiche einer zuvor als Obdach-losenunterkunft dienenden Baracke übereignet wurden. Nachdem sich der Zustand des Gebäudes zusehend verschlechterte, machte sich die damalige Vereinsführung unter Manfred Ott an die „Übernahme“ des Gebäudes. Im Jahre 1987 konnte schließlich mit der Stadt ein Nutzungs-vertrag geschlossen werden, der uns das alleinige Nutzungs-recht zusichert. Sogleich ging man an die Renovierung der Räumlichkeiten. Doch mit einem Loch taten sich mindestens drei andere auf und schon bald sah man sich einer General-sanierung gegenüber, die viele Behördenhürden überwinden musste.
Nach über zweijähriger Bauzeit konnte aber schließlich am 11.04.1991 das neue LG-Vereinsheim eingeweiht werden. Ganz besondere Verdienste hierbei erwarben sich der damalige Bauausschuss mit Heinz Kreutel, Bernd Ölschläger und Andreas Werner sowie Jörg Gassmann und die zahlreichen Spender, die durch Erwerb einzelner „Bausteine“ immerhin 17.500 DM für die Baumaßnahme spendeten. Eine Spendertafel im Vereinsheim erinnert heute hieran.
Mitte der 90er Jahre hatte die LG nochmals eine harte Bewähr-ungsprobe zu bestehen, als die gesamte Vereinsführung mit Vorstandschaft, Vereinskasse und musikalischer Leitung in jüngere Hände übergeben wurde. Aber auch hier bewies man bei der Personalwahl ein glückliches Händchen und blieb somit auf einem stabil guten Weg.
Musikalisch zeigt sich die Leutrum-Garde heutzutage in Bestform zumal sie ihr Repertoire mit anspruchsvollen und modernen Musikstücken wie beispielsweise durch Medleys von Abba, Tina Turner oder Udo Jürgens ergänzen konnten. Dies ist insbesondere den beiden Tambouren Ralf Kreutel undFlorian Bähr zu verdanken, welche nicht nur die schwierige Aufgabe haben, die Lieder mit uns einzustudieren, sondern auch die Befähigung haben, die Noten für die einzelnen Klangkörper selbst schreiben zu können.
Die Leutrum-Garde blickt nun auf 50 bewegte Jahre zurück und wird sich auch in Zukunft bemühen, ihrem Ruf als Kulturträger unseres Stadtteils gerecht zu werden und auf musikalische und kulturelle Weise den Namen des Stadtteils Würm und der Stadt Pforzheim bei allen Auftritten im In-und Ausland würdig zu vertreten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die LG durch die Vereinsgeschichte geführt:

Vorstand:
1958 - 1959 Karl Gerlach (als Feuerwehrkommandant)
1959 - 1963 Günther Greif (als Feuerwehrkommandant)
1963 - 1974 Werner Schmid
1974 - 1984 Sigfried Bähr
1984 - 1994 Manfred Ott
1994 - 1995 Oliver Schmid
1995 - 2000 Frank Hohler
2000 - 2003 Mirko Lud
seit 2003 Patrick Schölch

Tambourmajor:
1958 - 1975 Hans Wolfinger
1975 - 1976 Jürgen Stuhr
1976 - 1977 Jürgen Kuhnle
1977 - 1984 Jürgen Stuhr
1984 - 1985 Roman Feser
1985 - 1992 Thomas Keller
1992 - 1998 Gerhard Sölch
1998 - 1999 Sigrid Reiling
seit 1999 Ralf Kreutel

Kassier:
1959 - 1971 Rudi Bauer
1971 - 1972 Horst Keck
1972 - 1974 Hans Stemmer
1974 - 1994 Kurt Ließmann
1994 - 1995 Andrea Werner
seit 1995 Tino Schulze

LEUTRUM-LIED
Melodie: Wenn die bunten Fahnen wehen......

1. Wir sind von der Leutrumgarde
kommen aus dem Würmerland,
mit den schönen bunten Trachten
sind wir weithin auch bekannt.

Refrain:
Wir fragen nicht wohin -
wir fragen nicht wie weit -
wir sind zum Spielen immer bereit.

2. Trommeln, Pauken und die Pfeifen
schallen laut das Tal entlang,
wenn wir Seit' an Seite schreiten
zieht mit uns der Hörnerklang.

Refrain: Wir fragen nicht wohin…

3. Sind wir dann in froher Runde
bleibt die Freundschaft ungetrübt,
und dann geht von Mund zu Munde
unser neues Leutrumlied.

Refrain:

Wir wollen singen und musizieren
hell soll erklingen unser schönes Lied.

Schluß: Unser Leutrumlied …

Text : Hans Wolfinger (ca. 1966)